Freitag, 18. August 2017
 
   
 

 

 

 

 

Linz zeigt sich von seiner schönen Seite. Zumindest im traumhaft hellen Pent-

house von destilat.

 

In der Weite schweift der Blick auf die Stadt, im Nahen von einem Design-

klassiker zum nächsten.

 

 

Fotos Ruth Ehrmann

 

Text Wojciech Czaja

 

 

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Mittelpunkt des Wohnzimmer ist ohne Zweifel die graubraune „Tufty-Time“ von Patricia Urquiola für B&B Italia. Ob die Zeitschriften auf dem Couchtisch „Charles“ von B&B Italia immer so hübsch drapiert sind? „Ja, wir haben es gern ordentlich in unserer Wohnung“, sagt Familie Rabl. Die Bogenlampe „Arco“ wurde von Pier Giacomo und Achille Castiglioni für Flos designt, die Fotoserie im Hintergrund ist von Anton S. Kehrer



Die Treppe soll Leichtigkeit und Luftigkeit vermitteln. Zwischen den Trottstufen kann man hindurchsehen und mit etwas Glück einen Blick auf die alten Stühle aus der Raiffeisen-Bank erhaschen

Lange Zeit haderte Linz mit dem unliebsamen Schicksal, eine hässliche Stadt zu sein. Auf der einen Seite paffte der Qualm der Voest in die Luft, auf der anderen Seite kullerte ein hässlicher Einfamilienhaus-Teppich den Pöstlingberg herab.

 

Lebensqualität wurde in der Industriestadt dereinst nicht gerade großgeschrieben: Von großen Museen noch nie gehört, von Szene keine Spur, internationale Architektur ein Fremdwort.

 

Steht man im Wohnzimmer der Familie Rabl, sieht die Sache freilich schon anders aus. Nicht erst, seitdem sich Linz für das Kulturhauptstadtjahr 2009 rüstet, erblüht die Stadt an der Donau zu noch nie da gewesener Schönheit.

 

Im Westen wird gerade das Stadtschloss umgebaut, im Osten reicht der Ausblick von den Kirchtürmen der Altstadt über das Kunstmuseum Lentos, das neue Ars Electronica Center bis hin zu den grünen Ausläufern im Norden. Gemächlich breitet sich dazwischen der Donaustrom aus.

 

„Wir wohnen gerne hier“, sagt Herr Rabl, „und das Praktische ist, dass wir in unserer Wohnung keine Grünpflanzen brauchen, weil wir es rundherum ohnehin schon grün haben.“

 

Hier ein Fenster zu den Sträuchern auf der Terrasse, da ein üppiger Pflanzentrog am Balkon, und auf jeder Seite des Penthouses schweift der Blick in die grüne Natur. „Wir lieben die Natur und wir lieben Pflanzen“, sagt Frau Rabl, „aber das Grünzeug soll dort bleiben, wo es auch hingehört, nämlich draußen.“

 

Dass hier vor einigen Jahren noch Tauben im Gestühl hockten und den Rohdachboden mit, na ja, weißen Verdauungsflecken markierten, ist heute kaum noch vorstellbar.

 

Von den insgesamt sechs Wohnungen, die damals zum Verkauf standen, kauften die Rabls für sich und ihre beiden Kinder knapp die Hälfte und ließen die riesige Fläche von 280 Quadratmetern vom Design- und Architekturbüro destilat umbauen.

 

„Die Burschen von destilat haben beste Arbeit geleistet“, sagt Herr Rabl, „es ist ihnen gelungen, den Dachboden in eine Art Einfamilienhaus, in ein Haus auf dem Haus zu verwandeln.“

 



Ort der Kommunikation. Wenn Gäste kommen, werden die Einbauküche von Comprex und der Essplatz – mit „Contract Table“ und Stühlen aus der „Aluminium Group“ von Vitra – zum Mittelpunkt der Geselligkeit



Der Badebereich liegt mitten im Schlafzimmer. Wo Spritzschutz nötig war, wurde die Wand einfach grau verspachtelt. Von der Decke hängt eine Regenbrause herab, das Wasser fließt über ein Gefälle in den Boden ab


Mit dem Lift in den vierten Stock des alten Gemäuers. Tür auf. Und tatsächlich: Ver­gessen ist die Enge der Altstadt, vergessen die Schiefwinkeligkeit der Gebäude, der Geruch alter Bäckerstuben, das Flair pastellig bemalten Putzes. Stattdessen ist alles weiß, sogar beim Fließenstrich am Boden blieb man dem hellsten Teil der Farbpalette treu. Weiß sei eben ein Faktor der Zeitlosigkeit, sagt Familie Rabl, ein Garant für Eleganz. Nur ganz selten gibt es einen Farbtupfer in erdigen Brauntönen, in Orange oder Violett.

 

Warum so wenig Farben? „Wissen Sie, wir haben beide beruflich schon mit so vielen Farben und Sinneseindrücken zu tun, da ist es gut, wenn man abends in eine weiße Wohnung zurückkommt und sich einmal wieder entspannen kann.“ Bedarf nach optischer Ruhe – so nennt man das im Fachjargon.

 

Die auffälligsten Farbkleckse in Vorzimmer und Wohnzimmer sind die Fotografien von Anton S. Kehrer. Kräftige Farben, immense Kontraste, fotografiert und vergrößert bis zur Unkenntlichkeit. Meist ist es das Licht von Webeschriftzügen, von Geschäftsportalen oder von Auslagen, das Kehrer für immer und ewig auf Fotopapier bannt. Abstrakt hängen die betörenden Farbflächen an der Wand, im satten Orange spiegelt sich der Linzer Dom. Zufall? Wohl eher gewollt.

 

Plötzlich ein Tappser auf der Wand. Wolf, der schwarze Labrador, ein Bär von einem Hund, kommt um die Ecke geschnüffelt und legt sich auf den kalten Estrichboden. Schwarz auf Weiß, das macht sich gut. „Ja, der helle Boden und die hellen Wände sind ein perfekter Hintergrund für alles Schöne in dieser Wohnung“, sagt Herr Rabl in Anspielung auf die vielen Möbelschmuckstücke der Sechziger und Siebziger. ­Wiewohl, auf den vierjährigen Wolf trifft das ebenfalls zu.

 

Gleich im Vorzimmer steht das erste Prunkstück in geschichtsträchtigem Vintage-Look. Braunes Kunstleder, Chrom-Gestell. „Den Stuhl werden Sie heute kaum noch auftreiben können“, versichern die Rabls, „der ist Teil des alten Inventars der Raiffeisen-Bank. Die letzten Möbel aus einer der Filialen, an die wir mit Glück herangekommen sind.“ Schade. Geradeaus tut sich bereits der Ausblick auf die große Terrasse auf.

 

 

Komplette Story: H.O.M.E. Österreich, September 2008