Donnerstag, 14. Dezember 2017
 
   
 

 

Ein Wohnkristall für alle Wetterlagen: Architekt Armin Daneshgar baute in Wien ein Penthouse mit Schneegestöber- und Sonnenschein-panorama. Seine Berufskollegin Katharina Fröch verpasste dem Juwel den letzten Feinschliff

 

Text Wojciech Czaja Fotos Adsy Bernart

 



Wohnhöhle oder glaskristall? Durch den Erker bricht die Wohnung nach ­Westen völlig aus. Trotz großer Glasflächen ist es ­gelungen, mit präzise gesetzten Farben und Materialien Wohnlichkeit und Intimität zu wahren


Sonenschein und Schneegestöber, ein Cockpit für alle Wetterlagen. Frau Punkt, Bauherrin des Penthouses, steht am Fenster und blickt hinaus auf die Stadt. „Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Das Schönste an dieser Wohnung ist, dass sie die vielen unterschiedlichen Lichtstimmungen da draußen einfangen kann.“ Als sie und ihr Mann vor drei Jahren einzogen, da war der gläserne Kristall am Eck des Gründerzeithauses von einer Nebelwolke umhüllt. „Unglaublich toll, es war wie eine weiße Suppe. Durch das viele Glas scheint das Wetter zum Greifen nah. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass der Raum aus dem Haus ausrinnt.“



 



Schwerelos hängt der Stahlkamin von der Decke herab. Die hitzebeständige Stahlplatte ist flächenbündig in den Parkettboden eingelassen

Die Nebeldecke ist gewichen. Heute gibt’s Sonnenschein und Himmelblau. „Die Wohnung ist offen und transparent und entspricht voll unserem Geschmack“, sagt Frau Punkt, die gemeinsam mit ihrem Mann in Wien ein Unternehmen leitet. „Beruflich sind wir von so vielen Dingen umgeben, dass wir uns jeden Abend darauf freuen, in ein ruhiges und klar strukturiertes Zuhause zurückkommen zu können.“

 

Nach Türen sucht man in diesem Penthouse vergeblich. Bis auf WC und Garderobe, die als einzige Räume abtrennbar sind, fließen die 160 Quadratmeter grenzenlos ineinander und bilden ein modernes Wohnbiotop auf zwei Ebenen.

 

„Kann ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten? Oder vielleicht frisch gepressten Karottensaft?“ Die ökologische Ader ist trotz Stahl und Glas klar und deutlich ausgeprägt. „Für uns war von Anfang an klar, dass wir einen Holzboden haben wollten“, sagt Frau Punkt. „Die Hülle des Dachgeschoßes ist so luftig und modern, dass wir das starke Bedürfnis hatten, dem kantig Modernen etwas Warmes und Erdiges entgegenzusetzen.“

 

In Zusammenarbeit mit der Wiener Architektin Katharina Fröch wurde aus dem Wunsch nach Bodenhaftung schließlich ein Schiffboden aus leicht geräucherten, geölten Eichenbrettern. „Die Kommunikation mit den Bauherren war großartig“, erinnert sich Katharina Fröch. „Wenn man mit Kunden zu tun hat, die auf der gleichen Wellenlänge sind wie man selbst, dann macht die Arbeit gleich doppelt so viel Spaß.“

 

Keine Türen, keine Vorhänge und Raum zum Atmen, so weit das Auge reicht. „Ich habe mich in der Planung der Innenräume voll und ganz auf die Lebensweise der Bauherren fokussiert“, erklärt die Architektin. „Ich glaube, dass das Ergebnis ein ziemlich exaktes Spiegelbild der beiden ist, asketisch und sinnlich zugleich.“

 



Der Esstisch ist leicht versetzbar, die Schwenkleuchte an der Decke kann sich jeder Position problemlos anpassen. Dahinter wird’s richtig heiß: Links ein rotes Fegefeuer-Gemälde, rechts die Kochinsel


Was meint sie damit? Ein Blick auf die acht Meter lange Schrankwand zwischen Vorraum und Wohnküche genügt. Sie ist das einzige als solches erkennbare Einbaumöbel in der ganzen Wohnung. Hinter dunklem Furnier aus Palisanderholz liegen Garderobenschrank, Abstellraum und Küchenzeile verborgen. Als Frau Punkt eine simp-le, unscheinbare Klappe öffnet, kommen plötzlich die Gegenstände des alltäglichen Frühstückmachens zum Vorschein: Toaster, Entsafter, Espressomaschine. „Ich liebe es, gewisse Sachen verschwinden zu lassen“, erklärt Frau Punkt, indem sie auf die Arbeitsfläche deutet und zaghaft aus dem Nichts den Alessi-Wasserkessel hervorzieht. „Ich benütze dieses Ding in der Früh fünf bis zehn Minuten lang. Warum soll ich dann den ganzen Tag da draufschauen?“ Und dann die richtige Handbewegung: „Aus den Augen, aus dem Sinn. So einfach ist das.“ Hinter der schwarz bekleideten Bauherrin – sie ist scheu und geht dem Fotografen gekonnt aus dem Weg – wächst ein Gemälde des österreichischen Künstlers H. M. Stark empor. Vor fegefeuerrotem Hintergrund tummeln sich lachende und jaulende Menschenfiguren mit arg verzerrten Fratzen. „Wir haben die Arbeit auf einer Vernissage gesehen und mussten sie sofort haben“, sagt Frau Punkt. „Es war das einzig lustige Bild in der ganzen Ausstellung.“ Wie der offizielle Titel lautet, das weiß sie nicht. „Keine Ahnung. Ich nenne es einfach ,Karneval in der Hölle‘. Das trifft’s am besten.“

 



Der Stuhl stammt aus Afrika, die frei stehende Bettidee aus dem Kopf der Architektin Katharina Fröch. Hinter dem Betthaupt aus braunem Velours liegt der Badbereich mitsamt Waschtisch, Dusche und WC


Gemütlichen Schrittes, unbeeindruckt ob der großen Hitze an der Wand, dringen wir weiter ins Wohnzimmer vor. Nach dem offiziellen Bereich für Freunde und Gäste, mit einem Esstisch mit jeweils drei Stühlen an den Längsseiten, breitet sich die Behaglichkeit des abendlichen Nichtstuns aus. „Das ist die heilige Höhle von mir und meinem Mann. Ich bin verantwortlich für die Möbelskulpturen und Kunstexponate, mein Mann hingegen ist der Meis-ter der Musik.“ Hier eine kleine Buddha-Statue von einem Antiquitätenhändler aus einem Pekinger Hinterhofladen, dort eine hölzerne Elefantenskulptur, die die hinduis-tische Gottheit Ganesha darstellt. Alles weit gereist.

 

Dahinter, musikalisch gruppiert und über viele kleine Regale verstreut, liegen die weit über tausend CDs der besseren Hälfte. „Wenn es um Musik geht, kennt mein Mann kein Pardon“, erklärt Frau Punkt. „Wir wussten bis zuletzt nicht, wo die Musikanlage stehen wird. Der genaue Standort wurde in einem minutiösen und mir schleierhaften Auswahlverfahren in stunden-langer Arbeit millimetergenau ermittelt. Angeblich steht sie jetzt 100--prozentig perfekt.“

 

Üppig thront daneben das weiße Verzelloni-Sofa aus Italien. Passend dazu die beiden „Smock Chairs“ von Moroso. Charakteristisch und auf höchster Präzisionsstufe hat die spanische Designerin Patricia Urquiola das braune Leder auf Basis einer genauen Formchoreografie verrunzelt und zerknittert zusammengeflickt. Das Resultat ist 3.000 Euro teure Lümmelgarantie. „Die ,Smock Chairs‘ mussten einfach sein“, bringt Frau Punkt auf den Punkt. „Am liebsten rücken wir die beiden Fauteuils in den Glaserker hinaus, setzen uns mit einer Schüssel Müsli in die Sonne und schauen hinaus auf den Wienerwald. Das ist unser alltägliches Frühstück mit einer Portion Entspannung.“

 

 

Komplette Story: H.O.M.E. Österreich, Oktober 2009