Mittwoch, 24. Mai 2017
 
   
 



Auf allen Ebenen
Der Einblick zeigt das gekonnte Spiel der Ebenen. Im Souterrain ist der Wohnbereich – natürlich mit von Graft designter Liege und dem passenden Tisch (davor der „Swan Chair“ von Arne Jacobsen für Fritz Hansen). Auf der Galerie wurde die Bibliothek eingerichtet.


Richtung Osten und dann immer geradeaus. Irgendwann ist man dann in einem Berliner Vorort, den noch immer der Hauch der 50er-Jahre umweht.

 

Klinkerhäuser, Walmdächer und Gardinen mit Spitzenvolants. Anheimelnd gemütlich und Lichtjahre von modernen, zeitgenössischen Architekturkonzepten entfernt. Bumm. Da steht der Kasten. Von der Straße ein Quader mit Fenstereinschnitten über Eck, mit großen, weißen Flächen Rauputz, auf den ersten Blick ein ergreifend schnörkelloser Monolith, der in einer Gegend abgesetzt wurde, die man von Ausflügen zu den Eltern kennt.

 

Ein bisschen Staunen, ein bisschen Irritation über ein Haus, das so aus der Bebauung raussticht, dass es eher in Potsdam, in München-Grünwald oder Hamburg-Othmarschen ­stehen könnte – gäbe es dort Raum. Noch dazu entpuppt sich das Haus von Graft Architekten bei der Begehung als echtes Raumwunder. Wie gesagt: Der erste Blick von der Straße erfasst einen Monolithen. Dabei öffnet sich das Haus zur Seite in einem 120-Grad-Winkel und wirkt auf den zweiten Blick lang gestreckt. An den ästhetischen Parametern ändert sich nichts, weiterhin ist es viel Fläche, die, an den Eckpunkten verglast, Transparenz von der Mitte an den Rand legt. Unsere Sehgewohnheiten haben sich an die Lesbarkeit einer Fassade gewöhnt.

 

Shigeru Ban oder Mies van der Rohe haben mit Quadern wie der neuen Nationalgalerie die Transparenz zwar auf die Spitze getrieben, aber im Wohn-Kontext von Einfamilienhäusern erklärt sich der Grundriss noch immer über die Fensteraufteilung der Fassade. Die Grafts lassen den Betrachter alleine und der fragt sich: Hinter welchem Fenster verbirgt sich welcher Raum? Eine Frage, die sich erst innen klärt. Aber auch das nicht so ohne Weiteres.

 

Graft Architekten, die H.O.M.E. seit dem ersten deutschen Projekt, dem ­Hotel Q! in Berlin, ständig begleitet, sind in ihren Projekten bis dato ambitio­niert neue Wege gegangen, und mit dem Wohnhaus setzten sie wieder ein markantes Zeichen.

 

Der theoretische Background von Lars Krückeberg, Thomas Willemeit und Wolfgang Putz ist hier ablesbar. Mies van der Rohe, der Bauhaus-Meister, der in Berlin seine beeindruckenden Spuren hinterlassen hat, war ­einer der ersten, der bei den Villen in Dessau bündige Fens­ter einsetzte, der Fassadenaufteilungen eine neues Gesicht gab. Dass die drei Partner hier, vor den Toren der Hauptstadt, seine Zeichensprache gekonnt inszenieren, passt.

 

 

 

 

Diese Preziose vor den Toren Berlins ist stilbildend. Zum einen, weil sie das erste Wohnhaus von Graft Architekten ist, zum anderen, weil sie alle guten Anlagen in sich vereint.



 

Text

Andreas Tölke

 

Fotos

Martin Mai

 

 

 

Komplette Story: H.O.M.E. September 2010