Mittwoch, 24. Mai 2017
 
   
 



AKZENTE
Hoch über dem Wohnraum schwebt ein nach Maß angefertigter Glaslüster von Venini. Er reicht über zwölf Meter zu den weißen Sofas herunter und betont so die außergewöhnliche Raumhöhe des ehemaligen Pferdestalls. Highlight des Projektes ist der Schlafbereich, der als Baumhaus konzipiert wurde. Es erhebt sich 3,50 Meter hoch über den Wohnraum, von einem kräftigen Stamm unterstützt. Die weißen Sofas „Raffles“ stammen von Vico Magistretti für è De Padova


Seit Jahrzehnten gilt Trastevere als Künstlerviertel und wird ständig von vielen Touristen und Römern besucht. Das ehemalige Arbeiterviertel ist durch den Tiber vom historischen Stadtzentrum getrennt und hat daher einen ganz eigenen Charakter entwickelt und erhalten. Verwinkelte Gassen, beschauliche Plätze, alte Kirchen und gemütliche Restaurants ziehen immer mehr Besucher in ihren Bann.
Trastevere ist ein Dorf mitten in der Stadt, ein Dorf mit 2.500 Jahren Geschichte und vielen versteckten Sehenswürdigkeiten, ein Stadtteil voller Legenden und ­Geheimnisse.

 

Nachdem Künstler, Kinofachleute und andere Trendsetter das Viertel und seinen urigen Charme für sich entdeckt haben, ist der Bezirk schnell zum Szene-Stadtteil avanciert. So ist er heute bei eingesessenen Römern als Wohn­viertel besonders begehrt. Rustikaler Charme und Coolness – das ist die Kombination, welche die neuen Bewohner anlockt. Bei einem kurzen Spaziergang durch die engen Gassen kann sich der Besucher zunächst kaum vorstellen, dass sich hinter den alten, vergammelten Mauern schicke Wohnungen verbergen, in denen die Stimmung der Gegenwart und das Flair der Vergangenheit durchaus im Einklang stehen.
Als der römische Architekt ­Massimo d’Alessandro mit ­seinem Team beauftragt wurde, einen ­alten Pferdestall zu renovieren und ­umzugestalten, war er der richtige Mann am richtigen Ort.


Seine Projekte sind von einer klaren Formensprache geprägt, die zwischen Respekt vor der Tradition und Mut zur Modernität liegt, wobei er gerne den suggestiven Weg des Kontrastes beschreitet. Seine Werke orientieren sich an die Vergangenheit, aber sie gehören der Zukunft. Sie werden von Licht und Materie beeinflusst; sie gewinnen an Kraft und Suggestion durch das leichte Spiel der Fantasie.
„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es nicht ungewöhnlich, in Trastevere noch Pferdeställe zu finden, wo Tiere und Kutschen untergebracht wurden. Die Besonderheit dieser Räume lag vor allem darin, dass sie über eine außer­gewöhnliche Höhe verfügten“, erklärt d’Alessandro. In Trastevere gelang ihm das anspruchsvolle Vorhaben, einen dieser Ställe in eine komfortable Residenz zu ver­wandeln.


Zwölf Meter hohe Wände und ein Giebeldach mit sichtbaren Holzbalken waren die Merkmale, die den Ort schon beim ersten Anblick spektakulär machten.
„Die Atmosphäre war toll“, erinnert sich der heutige Besitzer an den ersten Besichtigungs­termin. „Das Gebäude strahlte solche Ruhe aus. Dazu trugen auch die zahllosen Details aus alter Zeit bei, die mich von Anfang an überzeugten.“   
Der Auftraggeber hatte den alten Stall für sich und seinen Partner gekauft. Die Herausforderung für den Architekten und seine Mitarbeiter bestand darin, ein modernes Domizil zu schaffen, ohne den ursprünglichen Charakter des Ortes zu eliminieren.


Die imposante ehemalige Halle blieb in ihrer ganzen Großzügigkeit erhalten, weder die Höhe noch die Abfolge der Räume wurden verändert. Auch der kostbare Dachstuhl konnte sorgfältig saniert und zu neuem Leben erweckt werden. Die fast 200 Quadratmeter große Fläche erstreckt sich über das gesamte Erdgeschoss. Sie bildet das Zentrum des Hauses und den idealen Ausgangspunkt für die Aufteilung der wohnlichen Funktionen.


Die offenliegenden Decken­balken und die intensive Verglasung unterstreichen den ursprünglichen Zweck der gewerblichen Architektur. Eine breite Fensterfront gewährleistet viel natürliches Licht. Sie öffnet sich zu einem kleinen Hof, der mit seiner puris­tischen Gestaltung an asiatische Gärten erinnert.    
Durch rahmenlose Bögen und Schiebetüren betritt man drei kleinere Nebenräume, die als Speisesaal, Küche und Gästezimmer dienen. So sind die Räumlichkeiten klar unterteilt und gehen dennoch sanft ineinander über.
Das Erdgeschoss hat sein origi­nales Erscheinungsbild weitgehend bewahrt. Allerdings wurde ein neuer Boden aus Holzplanken verlegt. Er harmonisiert mit der Balkenkonstruktion und bildet einen schönen Kontrast zu dem Band aus dunklem Eisen, der die Konturen der Räume markiert.


Für eine ungezwungene Stimmung sorgt die schlichte, sparsame Einrichtung. Fast neutral wirkende Designstücke werden mit gezielten Farbtupfern komponiert.
Um mehr Leichtigkeit zu ge­winnen, ließ der Planer alle ­Wände weiß streichen. Oberhalb der ­Sitz­gruppe wurde außerdem ein maßgefertigter Glaslüster angebracht.


„Von den ersten Realisierungs­phase des Projektes an haben mein Team und ich festgestellt, dass wir die ursprüngliche Atmosphäre des Ortes bewahren wollten. Der grandiose Pferdestall mit seinem teilweise irregulären Grundriss sollte als Wohnzimmer benutzt werden, ohne den Raum für weitere Nutzungen zu opfern“, so der Architekt. Die Aufgabe des Gestalterteams war damit klar: Es sollte einen Platz für den Schlafbereich schaffen, der den Proportionen des Wohnzimmers nicht schaden würde. Mit kühnem Gestus gelang es d’Alessandro, dieses Ziel zu erreichen.


Für seinen Kunden konzipierte er den privaten Teil der Wohnung als ein Baumhaus, das sich auf einem schrägen Stamm 3,50 Meter hoch über den Wohnraum erhebt.
Kaum hat man einen Schritt in den Wohnraum getan, wird der Blick nach oben auf das dunkle, geheimnisvolle Objekt gelenkt. Wegen seiner Metall-Auskleidung erinnert es an einen Wohnwagen, mit etwas Fantasie sogar an ein Raumschiff.
„Man kann die Geometrie der ­Kabine nicht auf einem Blick erfassen, weil sie keine Symmetrie hat. Eine asymmetrische Form bringt eine gewisse Dynamik mit sich“, erklärt der Architekt.


Eine an die Wand angelegte ­Stiege aus Filigran-Eisen führt ­hinauf
zu einer offenen Galerie, die den Wohnraum an drei Seiten umgibt. Über ebendiese Galerie erreicht man die eiserne Box, in der Schlafzimmer, Badezimmer und Anklei­de­raum untergebracht sind. Absichtlich hat d’Alessandro ­einen etwas komplizierten Verlauf geplant, um den Bewohnern auf dem Weg durch das Haus immer neue Überblicke der Wohnung ­anzubieten. Auch von unten betrachtet bekommt der originelle Schlafplatz dank differenzierter Perspektiven immer neue Gesichter.    
Von Anfang an war der Besitzer vor der Idee begeistert, in einem Baumhaus zu übernachten. „Mein Schlafzimmer ist spitze“, schwärmt er. „Seit meiner Kindheit habe ich von einem Bauhaus geträumt. Die uralte Sehnsucht, sich auf einen Baum zurückzuziehen und damit vom Erdboden abzuheben, ist bei mir immer wach geblieben.“ Jetzt kann er entspannt schlafen. Weil sein Traum wahr geworden ist.

 

 

 

 

Ewiger Landsommer in der ewigen Stadt. Wie ein kreativer Architekt einen ehemaligen Pferdestall im hippen Trastevere – dem römischen „Dorf in der Stadt“ – in ein modernes City-Loft verwandelte, das auf wunderbar natürliche Weise Wärme verströmt
 



 

Text

Monica Zerboni

 

Fotos

Nico Marziali

 

Komplette Story: H.O.M.E. Dezember 2010