Dienstag, 21. November 2017
 
   
 



TIERISCH
Es steht ein Pferd auf dem Flur oder besser: die „Horse Lamp“ von Moooi. Die schwarze Außensäule, die innen zur Decke wird, symbolisiert das Sitzen unter einer schützenden Baumkrone


Das Haus in Genf ist bereits das sechste Projekt für seinen senegalesischen Kunden, das der Architekt Stefan Antoni fertig­gestellt hat – und diese Zusammenarbeit ist aus vielerlei Gründen außergewöhnlich. Zuerst wäre da der alles andere als gewöhnliche Bauherr selbst. Die erste ­Million Dollar machte der Afrikaner mit Telekommunikation. Im Alter von 23 Jahren. Von seiner Heimat expandierte der smarte Geschäftsmann in die ganze Welt, mit immer neuen Businessideen und in immer andere Betätigungsfelder. Zunächst bauten „Stefan Antoni Olmesdahl Truen Architects“, kurz „SAOTA“, sein Apartment, dann sein Wohnhaus in Kapstadt. Es folgten eine Wohnung in Paris, der Hotel- und Einkaufskomplex „Sea Plaza“ in Dakar und ein Resort im Senegal. Als der Entrepreneur in Genf eine Bank eröffnete, brauchte er auch dort eine Residenz. Er fand ein pittoreskes Grundstück direkt am Genfer See mit Blick auf den 140 Meter hoch sprühenden Jet d’Eau, das Wahrzeichen der Stadt, und beauftragte erneut SAOTA mit dem Projekt. „Solange wir aufregende Ideen für ihn entwickeln, sind wir als Architekten seine erste Wahl“, so Antoni.

„Sow Geneva“ ist aufregend. Der Name stammt vom Familien­namen des Bauherrn ab. Dessen Vorgabe war, Wohnen und Arbeiten miteinander zu verbinden. ­SAOTA löste die Aufgabe durch zwei unterschiedliche Gebäude: ein Haupthaus und einen Anbau, die durch Sows Büro und einen Konferenzraum miteinander verbunden sind. Unterirdisch sind die beiden Bauten durch Kinos, ein Spa, ein Auditorium und Garagen für die acht Autos aneinander angeschlossen. Das Haupthaus ist eine Kombination aus abgerundeten Kuben und dreieckigen Massen, die den L-förmigen Privatbereich bilden. Zwischen dem doppelstöckigen Wohnraum und dem Seeufer schlängelt sich eine kurvige Glasfassade in Richtung Essbereich, Küche und Schlafzimmer. Mit einem zylinderförmigen Glaslift geht es von unten in die Lobby und zu den Bädern der oberen Etage.


Sogar ein Stück Heimat brachte das Kapstadter Büro an den Genfer See. „Für Afrikaner ist ein flaches Dach viel essenzieller als vertikale Wände. Das ist alles, was wir brauchen“, erklärt Greg Truen. Da die Architekten wegen des europäischen Klimas natürlich nicht auf solche Wände verzichten konnten, bauten sie diese zu großen Teilen aus Glas, um das Gefühl wenigs­tens optisch zu transportieren. Im doppelgeschossigen Wohnzimmer gibt es eine weitere Referenz an das Leben in Afrika. „Der Baum ist ein symbolisches Element für unseren Kontinent. Besonders früher fand man unter der Krone Unterschlupf und Schutz vor der Sonne. Sogar Schulstunden fanden unter Bäumen statt“, erläutert Antoni.



Die schwarze Decke im Wohnraum, die hinter der Glasfassade über der Terrasse fortgeführt wird und dort in einer spitz zulaufenden Säule mit dem Boden verschmilzt, erinnert an einen baumartigen Zufluchtsort. Auch die einzige massive Wand in diesem Raum hat einen Afrikabezug, indem sie die Muster traditioneller Stoffe im Stein andeutet und stilisiert. „Wir wollten das Interieur nicht über-afrikanisieren, trotzdem aber eine gewisse Dynamik in dieses Haus in der Schweiz bringen. So wie Picasso von afrikanischer Kunst, besonders von Skulpturen, beeinflusst war und aus der Inspiration zeitgenössische, moderne Kunst entstand“, sagt Antoni.


Bis auf eine Serie handgearbeiteter Vasen bleibt das Interieur weitestgehend frei von eindeutigen Hinweisen auf den afrikanischen Kontinent. „Wir haben ein sehr eurozentrisches Ästhetik-Verständnis“, erklärt Antoni. So finden sich fast nur italienische Designermöbel mit internationalem Renommee in der Einrichtung. Dazu ein Produkt, das man sich auf knapp 1.700 Quadratmetern ­leisten kann: die „Horse Lamp“ des schwedischen Design-Quartetts Front für Moooi. Die Leuchte hat die Form eines Pferdes in Lebensgröße – mit einem Lampenschirm auf dem Kopf. Nicht jedes Wohnzimmer hält die Ausmaße dieses Vierbeiners aus. Das „Sow Geneva“ scheint dafür wie geschaffen. Das Spiel von Außen und Innen, die massiven Wände im Wechsel mit Glas und Transparenz sowie die unmittelbare Präsenz von Natur im Wohnraum schaffen ­einen geradezu natürlichen Lebensraum für ein solches Stück.
Und wie läuft so eine Zusammenarbeit ab, wenn in Kapstadt geplant und knapp 9.000 Kilometer weiter gebaut wird? SAOTA engagierte das Schweizer Architektenbüro SRA Kössler & Morel und legte das Tagesgeschäft in dessen Hände. Wann immer Veränderungen am optischen Erscheinungsbild nötig waren, wurde SAOTA informiert und um eine Entscheidung gebeten. Technische Veränderungen, die keinerlei ästhetische Auswirkungen hatten, konnten die Schweizer allein entscheiden. Es wurde täglich telefoniert, fünf Mal fuhren die Südafrikaner zur Baustellenbesichtigung vor Ort. „Die Zusammenarbeit hat wirklich hervorragend geklappt und war sehr erfreulich“, so Antoni.

 

 

 

 

Ein senegalesischer Geschäftsmann hat am Genfer See gerade sein drittes Wohnhaus bezogen. Ein befreundetes Architekturbüro entwarf für ihn dort ein aufregendes Stück Afrika
 



 

Text

Sandra Piske

 

Fotos

SAOTA Architects

 

Komplette Story: H.O.M.E. Dezember 2010